Alexa Hennig von Lange –

Kolumnen

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Erwachsen werden mit…
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Bild Alexa Hennig von Lange

Hippies

Es ist ja nun leider so, dass ich 1969 nicht schon ein fesches, amerikanisches „girl“ mit langem wallenden Haar war. Dann nämlich wäre ich mit meiner Clique im mit Blumen verzierten VW-Bus zum Woodstock-Festival gereist und hätte mich mit den anderen coolen Typen im Schlamm rumgewälzt, um mit nacktem Oberkörper die freie Liebe zu feiern. Ich hätte „smoothes“ Head-Banging zur Musik von Janis Joplin und Joe Cocker gemacht und meine Gliedmaßen „shantimäßig“ durch die regendurchtränkte Luft gleiten lassen. Ich liebe diese beiden Musiker. Ich liebe sie seit meiner frühesten Jugend in Hannover - der City of Rock. Damals, meine Clique und ich, wir kleideten uns wie echte Hippies. Also: enge Lederhosen, Glasperlenketten, stark getuschte Wimpern mit dickem schwarzem Lidstrich. Wir hörten Joe Cocker und Janis Joplin. Es sind wahre Stimm-Virtuosen gewesen - muss man ja leider im Fall von Janis Jopin sagen. Wie einige andere Musik-Genies ihrer Ära, wurde sie nicht sehr alt. Manchmal denke ich sogar, ich bin die Reinkarnation von Jenis Joplin - aber ich will niemanden verwirren. In jedem Fall haben wir relativ identisches Haar.

Auf der anderen Seite bin ich nun auch wieder ganz froh, dass ich erst 14 Jahre später geboren wurde - durch diesen Umstand bin ich heute 14 Jahre jünger - habe dadurch einige politische Querelen nicht hautnah miterlebt, gegen die die damalige Jugend sich zur Wehr setzen wollte und auch musste. Ich sage nur: Vietnam! Darüber bin ich froh, da ich nun nicht mehr für die Durchsetzung der damaligen Ziele kämpfen muss. Ich kann mich quasi ins gemachte Bett legen. Überhaupt haben es meine Generation und alle nachfolgenden Generationen wesentlich bequemer. Zum Beispiel, was das Thema: Geschlechterrollen anbelangt. Was einige Menschen nämlich heute nicht wissen - oder schlicht vergessen haben, ist die Tatsache, dass die männlichen Hippies damals in - ich sage mal: San Franzisko - noch echte Patriarchen waren. Das heißt: Im Gewand des aufgeklärten Freidenkers, nutzten sie uns Frauen weiterhin aus. Wir mussten für sie kochen und Wäsche waschen, während sie sich einen Joint nach dem anderen reinzogen,  sich über bewußtseinserweiternde Erfahrungen austauschten und überlegten, dass es nett wäre, in Kommunen zu leben. Ich mache es ihnen nicht zum Vorwurf. Schließlich wurden sie alle von ihren Vätern zu echten Oberhäuptern erzogen - und ich muss sagen: Bereits ihre nachgekommenen Söhne haben ziemlich viel dazu gelernt, was die Gleichberechtigung von uns Frauen anbelangt. Die übernächste Generation, also, unsere Enkel, werden gar nicht mehr wissen, dass da mal was war. Das finde ich ganz wunderbar. Die Frage ist nur: Wenn diese Problematik entgültig gelöst ist, welche kommt dann auf unsere Nachkommen zu? Denn: Mit irgendetwas muss sich die Menschheit ja beschäftigen. 

History

Es ist ja nun so, dass ich den Eindruck habe, die Olympischen Spiele seien eine Erfindung aus meinen Kindheitstagen. Damit ich will ich nicht sagen, ich hätte sie erfunden, sondern: Sie seien erfunden worden, als ich noch ein Kind war. Vermutlich hängt dieser Trugschluss damit zusammen, dass jedes heranwachsende Baby, alles zum ersten Mal erlebt – so auch die erste Liebe inklusive schmerzlicher Trennung – und der festen Überzeugung ist, es (das Baby) sei der erste Mensch auf der Welt, dem diese Schicksalsschläge in voller Härte widerfahren. Das Baby erlebt sich selbst also als Entdecker der sehnsuchtsvollen Liebe, der Selbstmordgedanken. Es erlebt die Ablösung vom Elternhaus, entdeckt bereits entdeckte Ländereien, die Wissenschaft, die Philosophie und eben der Olympiade. Das heißt: Mit jedem geborenen Baby wird die Welt zu einer neuen. Die Olympischen Spiele werden zu einer Neuigkeit. Noch nie wurden sie aus diesem individuellen Blickwinkel wahrgenommen. Das Baby erschafft die Olympischen Spiele eben doch neu. Manchmal recht fehlerhaft, oder desinteressiert oder eindimensional. Aber eben immer: individuell.

Dabei beweisen ja gerade die damaligen Schock-Reaktionen auf den Goethe-Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, dass der junge Mensch oder auch der alte Mensch niemals allein ist mit seinen Nöten, Ängsten und der Freude. Wir alle bewegen uns, trotz individuellem Blick, in dem immer selben Muster an Beziehungen, Begegnungen und Schicksalen. Darum also nahm sich seinerzeit nicht nur der junge Werther in der Goethe-Geschichte das Leben aus Trauer um die unerfüllte Liebe, sondern gleich auch noch eine hohe Anzahl anderer jungen Männern, die damit das so genannte Werther-Syndrom prägten, was – ich gebe es zu – allerdings wirklich neu auf der Welt war. Zumindest die Namensgebung. Zurück zur Olympiade. Die gibt es natürlich schon sehr viel länger, als ich alt bin. Der Überlieferung nach müssten die ersten regelmäßigen Spiele im griechischen Olympia im Jahre 776 v. Christus stattgefunden haben. Doch haben sie sich mit dem Fortbestehen der Menschheit, mit jedem geborenen Baby, zu dem entwickelt, was sie heute sind. Ein Sportereignis vom Feinsten, für die ganze Städte umgebaut werden, protestiert wird, Senderechte verhökert werden, Sponsoren ihre Banner in der Arena präsentieren, Sportler sich möglicherweise dopen. Früher, als ich Kind war, war das anders. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Turn-Weltmeister Juri Koroljow. Der hatte einen gut sitzenden Turnanzug an.

Drive

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir alle, die nun erwachsen sind, durch das Elternhaus geprägt wurden. Kurz gesagt: Unsere Eltern formten uns zu den Menschen, die wir heute sind. Ich will nicht dauernd von meinen Eltern anfangen, aber ich kann mich ohne sie einfach nicht denken. Beziehungsweise: wenn ich anfange, über mich und meine Entstehungsgeschichte zu philosophieren, fallen mir automatisch meine Eltern ein. So auch, wenn ich über dem Themenkreis „Mitfahrzentrale“ nachdenke. „Mitfahrzentrale“, dieser Begriff hatte damals, nachdem ich die Schule verlassen hatte und kein Geld besaß, eine große Bedeutung. Viele meine damaligen Freunde, die ebenfalls kein Geld hatten, aber dringend Städtereisen unternehmen wollten, wussten von den Vorzügen dieser Einrichtung – mir fielen ausschließlich damit verbundene Nachtteile ein. Und diese automatische Hinwendung zu den negativen Facetten des Themenspektrums „Mitfahrerzentrale“ sind wiederum auf meine Erziehung zurückzuführen. Dankenswerterweise!, muss ich hier sagen. Es ist nicht so, dass ich von meinen Eltern zu einem negativ denkenden Menschen erzogen wurde – mitnichten! Viel eher brachten sie mir bei, dass ich nur ein Leben habe – und dass dieses ganz wundervoll sein und möglichst lange erhalten beleiben sollte. Vielleicht übertrieben sie es bei Zeiten etwas mit ihrer Sorge um mein Wohlergehen, aber auch das war und ist gut so. Als junger Mensch glaubt man nämlich, unsterblich zu sein. Man unternimmt unendlich viele Dummheiten. Wie zum Beispiel zur „Mitfahrerzentrale“ zu gehen, um zu einem wildfremden Menschen ins Auto zu steigen, von dem man nicht weiß, ob er überhaupt das Gaspedal vom Bremspedal unterscheiden kann. Ich zum Beispiel kann es nicht, weswegen es kurz nach meiner Fahrprüfung zu einem klitzekleinen Auffahrunfall gekommen ist. Wie auch immer. Gerade wir Frauen wissen nun auch, dass es Männer gibt, die nicht nur Gutes im Schilde führen. Auch aus diesem Grund steige ich nur ungern zu Fremden ins Auto. Um genau zu sein: Nie! Es soll aber wiederum auch Menschen geben, das möchte ich hier einräumen, um in meiner Argumentationsweise nicht zu einseitig zu wirken, die sich auf einer launigen „Mitfahrerzentralen-Fahrt“ ineinander verlieben. So ist es einer Freundin von mir passiert. Sie fürchtete sich nicht vor sexuellen Übergriffen, sondern leitete diese quasi auf der Autobahn nach Braunschweig ein. Ich denke, jeder sollte selbst wissen, was für ihn das Beste ist.

Love

Vielleicht haben sich die Zeiten geändert - aber damals als ich jung war und sich Mädchen und Jungen noch ineinander verliebten, fragten sie sich beim ersten Kennenlernen: "Was arbeiten deine Eltern?" Oder: "Hast du ein eigenes Haustier?" Und: "Spielst du ein Musikinstrument?" Mithilfe dieses Fragenkatalogs versuchte man verlässlich abzuklopfen, ob man überhaupt zueinander passte. Im Übrigen konnte zumindest mit den Themenkomplexen "Haustier" oder "Musikinstrument" hervorragend eine Nachmittagsunterhaltung im Café bestritten werden - worüber sich die Geschäftsführer der betroffenen Cafés weniger freuten - man blockierte über mehrere Stunden den Tisch, bestellte nur je einen Kaffee und teilte sich anschließend eine Cola. Vermutlich ist das heute etwas anders - zu meiner Zeit gab es ja noch nicht einmal einen Latte Macchiato. Wie auch immer. Was mich anbelangt: ich liebte das Gespräch über Musikinstrumente. Und ich war voller Dünkel. Ein Junge, der nicht mindestens drei Musikinstrumente angefangen hatte zu erlernen, kam für mich nicht in Frage. 

Doch meistens hatte ich Glück: Da gab es die, die in der Grundschule Blockflöte gespielt hatten, dann die Cello- und Klavierspieler und Violinisten. De Posaunisten - generell: Die Blechbläser. Die hatten es ziemlich schwer bei uns Mädchen, ausgenommen die Saxophonisten. Die fanden wir natürlich "groovy". Hingegen empfanden wir die Oboe - neben der Blockflöte - als das beschämendste Instrument überhaupt. Geige spielten die wenigsten Jungen, dafür aber Gitarre und später Schlagzeug. Selbstverständlich war auch ich mit einem Schlagzeuger, einem Gitarristen, später einem Bassisten und - kurzzeitig - mit einem Keyboarder liiert. Gehalten haben diese "Beziehungen" grundsätzlich nicht lange. Musiker sind, ähnlich wie Künstler, sehr empfindsame, aber auch freiheitsliebende Menschen. Sie brauchen ihren "Space", wie sie es nannten. Außerdem haben Vollblutmusiker, wie ich sie jetzt mal nenne, diese ungute Angewohnheit, nicht nur ihr eigenes Bein, sondern auch den Oberschenkel ihrer Partnerinnen als Ersatzinstrument zu missbrauchen. Das heißt, wenn man verliebt herum saß, fingen der Schlagzeuger oder der Keyboarder plötzlich aus heiterem Himmel an, darauf herumzuschlägeln oder zu drücken. Dabei fällt mir ein: Ich hatte auch mal etwas mit einem Sänger aus dem Knabenchor. Der konnte sehr hoch singen, dabei riss er die Augen weit auf. Ein anderer Freund, der ...

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